POST AUS PEKING: In den Sand gesetzt


Mexikanische Beachvolleyballerin Candelas in Peking: Große Gaudi im Stadion
Mexikanische Beachvolleyballerin Candelas in Peking: Große Gaudi im Stadion

Aus Ipanema sind die Mädchen definitiv nicht, die in knappen Badeanzügen im Sand auf- und abhüpfen - es sind chinesische Cheerleaderinnen. Grund genug für Andreas Lorenz, sich doch noch mit der olympischen Disziplin Beachvolleyball anzufreunden.
Der chinesische Alltag ist Thema dieser Kolumne und nicht Beachvolleyball. Aber es muss heraus: Beachvolleyball gehört meiner Meinung nach nicht zu den olympischen Disziplinen, sondern an den Strand. Warum 40 Zentimeter tief Sand in einer Großstadt aufhäufen und so tun, als ob man in Ipanema ist und man ein paar Kilometer weiter ohnehin Volleyball spielt, den richtigen? Albern.
Rhythmische Sportgymnastik übrigens bräuchte auch nicht dabei zu sein, die Damen sollten in den Zirkus, ebenso die Wassertänzerinnen mit den witzigen Nasenklemmen, die mit verkrampftem Lächeln zuweilen aus dem olympischen Becken auftauchen und winken. Turnen müsste ohnehin verboten werden, weil es, wie der Kabarettist und Schriftsteller Werner Schneyder jüngst im SPIEGEL zu Recht sagte, “getarnte Kindesmisshandlung” ist.

Gerade überträgt das Fernsehen den Mannschaftswettbewerb der Turnerinnen, und die Kamera fährt dicht heran an die Gesichter der chinesischen Sportlerinnen. Chinesische Jugendliche wirken oft jünger, als sie sind. Aber 16 Jahre alt, wie die Regeln es vorschreiben und wie ihre Pässe behaupten, sind einige dieser Mädchen jedenfalls nicht, niemals.
Doch zurück zum Beachvolleyball. Das Telefon klingelt, die bezaubernde Gattin eines europäischen Botschafters sagt: “Ich habe zwei Karten für die Spiele.” Dann macht sie eine Pause, sie kennt meine Meinung: “Für Beachvolleyball.” Einige Stunden später sitze ich im Chaoyang-Park in einem feinen, völlig neuen Stadion, Tor 1, Sektion 201, Reihe 31, Sitz 2. Ich sehe unten in den Spielpausen hübsche Cheergirls in schock-grünen Badeanzügen mit den Armen wedeln und durch den Sand hüpfen, was schon mal sehr nett ist. Die Athletinnen tragen knappe Bikinis. Das müssen sie nicht, wie mir eine Broschüre erklärt. Sie tun es trotzdem, und vielleicht ist das der Grund, warum nach ihren Wettkämpfen an diesem Abend, wenn die Männer dran sind, viele Zuschauer nach Hause gehen.
Die Broschüre teilt mir auch mit, wie viel die Beachvolleyballer in den letzten Jahren an Preisgeldern kassiert haben, mitunter sechsstellige Dollarbeträge. Eine elektronische Anzeigetafel erklärt mir ständig, wie die Athletinnen und Athleten gerade den Ball über das Netz gebracht haben: “Wow”, “Great Play”, “Nice”, “Fantastic”. Sie sagt mir auch, was ich zu tun habe: “Clapping”, “Noise”. Zwischen jedem Aufschlag dröhnen aus den Lautsprechern Stücke der Sommerhitparaden aus den siebziger und achtziger Jahren (”1000 Mal berührt, 1000 mal ist nichts passiert”), was ebenfalls angenehm ist, weil es mich in gute alte Zeiten zurückbringt. Leider dauert das Vergnügen immer nur ein paar Sekunden.
An Ständen vor dem Stadion werden Cola, Bier und Popcorn angeboten. In meiner Reihe haben die Verkäuferinnen kein Wechselgeld mehr, und das Bier ist nicht kalt, wie sie bedauern. Das tut der guten Laune im Stadion aber keinen Abbruch. Manche Männer tragen Sonnenbrillen, obwohl die Sonne gar nicht mehr scheint. Als die sympathischen Letten die Favoriten des Turniers, zwei amerikanische Muskelpakete, besiegen, trampeln vor allem die chinesischen Besucher vor Begeisterung und brüllen: “Auf geht’s!” Wenn nicht ihre eigenen Leute kämpfen, stehen sie für die Außenseiter.
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Die Letten feiern ihren Sieg, als ob sie schon Gold gewonnen hätten. Die bezaubernde Gattin eines europäischen Botschafters hat längst ihren Fahrer bestellt, doch ich bleibe im Stadion sitzen, bis kurz nach Mitternacht die deutschen Männer Norwegen besiegen. Es ist eine große Gaudi, über vier Stunden lang und keine Minute langweilig. Vielleicht hätte Beachvolleyball auf dem Tiananmen-Platz stattfinden sollen, vor dem Mao-Mausoleum, wie es einmal angedacht war. Das hätte den Ort normaler, weniger politisch, weniger heilig gemacht. Womit wir dann doch beim chinesischen Alltag gelandet wären.



Quelle: Spiegel Weitere aktuelle Nachrichten

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