China und die Deutschen: Staunen und Angst
![]() Fahnen von Deutschland und China: Ambivalentes Verhältnis. Foto: dpa |
Es ist eine Beziehung voller Gegensätze: Die Deutschen sind fasziniert von China und gleichzeitig abgeschreckt. Doch trotz aller Emotionen sollte Chinas Aufstieg mit dem nötigen Realismus verfolgt werden.
Wenn deutsche Politiker und Wirtschaftsführer nach China blicken, sind sie hin- und hergerissen: Sie staunen - und haben zugleich Angst. Sie sind fasziniert - und zugleich verschreckt. Sie bewundern den steilen Aufstieg des Landes - und fürchten zugleich, dass die Chinesen uns den Wohlstand streitig machen könnten. Sie drängen nach China - und wollen zugleich Chinas Firmen von Deutschland fernhalten.
China: Das ist derzeit die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, die zweitgrößte Exportnation der Erde, die Nation mit den höchsten Devisenreserven des Planeten, ein Land mit mehr als einer Milliarde Menschen, das mit Wucht auf die Bühne der Weltwirtschaft drängt. Schon bald dürfte China die Bundesrepublik als Exportweltmeister ablösen, und die Statistiker haben längst ausgerechnet, wann China zur größten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen sein wird: 2035 oder 2040 dürfte dies der Fall sein.
Verstörende Gegensätze
Noch nie zuvor ist ein Land derart schnell an die Weltspitze vorgerückt. 1978 war China eine verrottete Planwirtschaft, dreißig Jahre später vereint die Volksrepublik alle Spielarten, die die moderne Wirtschaft bietet: dirigierte Staatskonzerne und eine irrwitzige Aktienökonomie, staatlich gesteuerte Wirtschaftspläne und ein in Teilen nahezu ungezügeltes Unternehmertum.
China ist so zu einem Land voll verstörender Gegensätze geworden: Die neuen Milliardäre und Millionäre stellen ihren Reichtum oftmals ungeniert zur Schau; die Immobilienpreise in den Metropolen schießen in die Höhe. Zugleich verelenden in den Randquartieren der großen Städte die Wanderarbeiter, die immer weiter wandern müssen und immer seltener Arbeit finden. Denn selbst in China werden jene Menschen, die nichts gelernt haben, immer weniger gebraucht; viele einfache Jobs werden durch Maschinen ersetzt oder wandern dorthin ab, wo die Löhne niedriger sind. Erst am Wochenende verkündete der Adidas-Konzern, er werde mit Teilen seiner Sportartikel-Produktion nach Laos und Vietnam ziehen.
Chinas Aufstieg wird keineswegs so geradlinig weitergehen wie in den vergangenen Jahrzehnten. Die Regierung in Peking dürfte immer mehr Mühe haben, die wachsenden Unterschiede im Land zu erklären. Die Zahl der Unruhen nimmt zu, der Unmut der Zurückgelassenen ebenfalls. Je schneller die Wirtschaft wächst, desto mehr wird die Kluft zwischen den Gewinnern des Aufschwungs und den Verlierern wachsen. Die Ungleichheit im Land ist inzwischen weit größer als in den USA, dem Hort des Kapitalismus.
Realismus ist gefragt
Irgendwann wird zudem der große Boom vorbei sein. China wird es ergehen wie anderen Nationen, die einen rasanten Aufschwung erlebt haben. So wie Deutschland nach dem Krieg: Auf das Wirtschaftswunder folgte nach drei Jahrzehnten eine Ära der Stagnation. Oder Japan: Mit ihrer gelenkten Wirtschaft eroberten die Japaner in den 70er und 80er Jahren den Weltmarkt. Als die Blase am Immobilienmarkt platzte, stürzten sie in eine fast 15 Jahre währende Rezession. Oder die Tigerstaaten Asiens: Thailand, Malaysia, Südkorea und Indonesien gerieten 1997 in die Krise.
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Chinas Aufstieg sollte daher mit dem nötigen Realismus verfolgt werden. Das Land wird den Europäern ihren Wohlstand nicht wegnehmen - es wird aber seinen eigenen Wohlstand steigern wollen. Die Konzerne der Volksrepublik werden sich auch in Deutschland einkaufen, doch sie werden die übernommenen Unternehmen in aller Regel nicht zugrunde richten, denn das würde den eigenen Interessen zuwiderlaufen. China wird weiter wachsen, aber es wird auch seine wirtschaftlichen Krisen erleben.
Die Börsenblase in Shanghai ist bereits geplatzt, die Immobilienblase könnte als Nächstes platzen. China wird alles tun, um seine Wirtschaft während der Olympischen Spiele ins rechte Licht zu rücken. Doch es lohnt sich für Deutschlands Politiker und Konzernchefs, genauer hinzublicken.
Quelle: SZ Weitere aktuelle Nachrichten
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