Amstettener Inzestfall: Verteidiger will Haftstrafe für Fritzl verhindern
“Josef Fritzl gehört nicht ins Gefängnis”: Der Anwalt des Amstettener Inzesttäters hält seinen Mandanten für psychisch krank und damit unzurechnungsfähig. Er will eine Haftstrafe verhindern - und setzt stattdessen auf eine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie.

Wien - Zweimal schon hat der Wiener Anwalt Rudolf Mayer seinen Mandanten Josef Fritzl in der Untersuchungshaft getroffen. Was er dabei erfahren hat, lässt für den prominenten Juristen nur einen Schluss, nur eine Strategie zu: “Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist Fritzl psychisch krank und damit unzurechnungsfähig”, sagte Mayer jetzt “Bild am Sonntag”. Der Verteidiger will eine Haftstrafe für den Sexualstraftäter verhindern: “Ich glaube, mein Mandant gehört nicht ins Gefängnis, sondern in eine geschlossene Psychiatrie.” Tatsächlich müssen über Fritzls Zurechnungsfähigkeit Gutachter entscheiden. Mayer kündigte an, möglicherweise ein eigenes Gutachten in Auftrag zu geben, falls andere “die Persönlichkeit meines Mandanten nicht wiedergeben”.
Konkret wird Fritzl Vergewaltigung, sexueller Missbrauch und Freiheitsberaubung vorgeworfen, außerdem Mord durch Unterlassen - eines der Kinder, das er mit seiner Tochter Elisabeth im Amstettener Kellerverlies gezeugt hatte, war kurz nach der Geburt gestorben. Elisabeth sagt, er habe die Leiche in einem Heizofen verbrannt. Gegen den Vorwurf des Mordes durch Unterlassen will sich Verteidiger Mayer wehren. Die anderen Vorwürfe lässt er gelten: “Mein Mandant hat den Inzest gestanden, sowie seine Tochter eingesperrt zu haben”, sagte er “Bild am Sonntag”. Falls Fritzl der Mord tatsächlich nicht nachgewiesen werden kann, könnte der heute 73-Jährige der Zeitung zufolge nach 15 Jahren wieder in Freiheit gelangen. Mayer hatte schon im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE über seine Begegnungen mit Fritzl gesagt, er habe den Eindruck gehabt, “vor mir stünde ein pater familias, ein Familienoberhaupt, mit guten, aber auch mit schlechten Seiten”. Fritzl sei “sehr ernst, betroffen und emotional zerbrochen” . Diese Einschätzung schließe jedoch nicht aus, dass er in den bisherigen Verhören “teilnahmslos” gewirkt habe.
Bei der zweiten Begegnung habe sich Fritzl zwei Stunden lang sein Leben von der Seele geredet und “seine Sicht der Dinge” geschildert. Über Details des Gesprächs schweigt der Jurist. Auch seinen Mandanten habe er zur Verschwiegenheit aufgefordert: “Er hat schon zu viel gesprochen.”
Fritzl hatte Mayer als Verteidiger mit den Worten akzeptiert: “Ja, den kenn’ ich aus dem Fernsehen!” Der Anwalt berichtet von Drohbriefen an seine Kanzlei. Zu seiner Motivation sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, er sehe es als seine “Aufgabe, Josef Fritzl als Mensch zu zeigen” statt als “Horror-Bestie und Sex-Tyrann”. Mayer: “Wer ist Josef Fritzl? Warum ist er so, wie er ist?” Fälle mit einem “psychologisch-psychiatrischen Hintergrund” reizten ihn. Nach drei Jahrzehnten Berufserfahrung als Strafverteidiger sei er überzeugt: “Es gibt für jede Tat, für jedes Täterverhalten eine Erklärung.” Mayer verteidigte schon 1996 zwei mutmaßliche Neonazis im sogenannten “Briefbomben-Prozess”, in dessen Verlauf er den wahren Täter enttarnen konnte und für seine Mandanten einen Freispruch erlangte.
Fritzl wird in der Untersuchungshaft in St. Pölten von anderen Gefangenen weitgehend isoliert. Gefängnisleiter Günther Mörwald sagte, es gebe zwar keine konkreten Drohungen gegen ihn - trotzdem sei man auf der Hut. Anwalt Mayer sagte SPIEGEL ONLINE, im Gefängnis werde “sehr auf Josef Fritzl geachtet” - aus beidseitigem Schutz: Damit er “nicht selbst über sich urteilt” und etwa Suizid begeht und weil “er in der Häftlingshierarchie keinen besonders guten Stand” habe.
Das Landeskriminalamt (LKA) Niederösterreich teilte mit, die laufenden Ermittlungen hätten vorerst keine neuen Erkenntnisse ergeben. Die Arbeit am Tatort sei für die Beamten belastend: Mit jedem Gegenstand im Verlies, der untersucht werde, werde den Ermittlern in Erinnerung gerufen, “was sich hier abgespielt hat”, sagte LKA-Chef Franz Polzer. Bei der Untersuchung gehe es zurzeit darum, wie Fritzl die Menschen im Verlies mit Lebensmitteln versorgt habe. Hierzu gebe es vorerst “keine konkreten Aussagen”.
Der österreichische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer versprach den Inzest-Opfern schnelle Hilfe. “Dieses Verbrechen geht allen unter die Haut. Unsere Aufgabe ist es jetzt, alles zu tun, um den Opfern zu helfen”. Er warnte vor einer Medienkampagne gegen Österreich: Sein Land wehre sich dagegen, dass von einigen ausländischen Medien versucht werde, “aus diesem entsetzlichen Verbrechen etwas ’spezifisch Österreichisches’ zu konstruieren”. Seine Regierung prüfe derzeit alle einschlägigen Gesetze und suche nach Verbesserungen, die ähnliche Taten in Zukunft nach Möglichkeit verhindern könnten. Quelle: Spiegel
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